In eigener Sache
1 Jahr und 5 Monate – Ein Rückblick
Von anarchistische Gruppe Schwarzenbek am 06. Februar 2013 veröffentlicht in Anarchie.

Kurzes Vorwort: Wir wollen uns hier auf keinen Fall nur beschweren oder gar in eine Opferrolle stecken, sondern, damit keine Missverständnisse aufkommen, nur unsere subjektiven Erfahrungen als Anarchist_Innen in einer dorfähnlichen Kleinstadt wiedergeben.

Vor einem Jahr und fünf Monaten bildeten wir mit der Absicht der Szeneisolation zu entfliehen die anarchistische Gruppe Schwarzenbek. Doch warum genau in Schwarzenbek und nicht weiterhin in Hamburg? Ganz einfach: Wir wollten raus aus den großen Städten in denen es schon „alles“ vom Autonomen Zentrum bis hin zur Punker_Innenkneipe gab. Wir wollten nicht länger selbst dafür verantwortlich sein, noch mehr als ohnehin schon marginalisiert zu werden. Wir wollten nicht länger unsere Kräfte in Autonome Zentren stecken, in denen sogenannte „Bürger_Innen“ niemals rein gehen würden und wenn sie es täten, mit dem Gefühl begrüßt werden, nicht erwünscht zu sein. Wir wollten etwas von Anfang an, an einem Ort an dem es keine Szene, Bewegung o.ä. gab, schaffen und zwar für jeden Menschen.

Einige, die von unserer Idee begeistert waren, zogen nach Schwarzenbek, andere hingegen zogen weg… in die große Stadt. Anfangs lachten die meisten Freund_Innen aus Hamburg über uns und unsere Vorstellungen, später dann brach der Kontakt komplett ab. Wir würden am „Arsch der Welt“ wohnen. (ca. 20 min. mit der Bahn) Lange Zeit ging es für uns alleine weiter und mit den brennenden Fragen, wie man etwas aufbaut ohne Unterstützung und wie man den Gedanken der Anarchie an die Menschen bringt. Wir probierten unsere Ideen an die Menschen aus Schwarzenbek zu bringen indem wir Transparente aufhingen, eine Scheinbesetzung machten, Flyer verteilten und in Briefkästen warfen und einen Infotisch veranstalteten.

Nichts davon traf auf wirklich fruchtbaren Boden, außer, dass wir im städtischen Jugendtreff eine vegane Kochgruppe gründen konnten. Doch auch das war ein eher ernüchterndes Ergebnis, da es sehr kräftezehrend ist, mit einem „Jugendtreff-Chef“ streiten zu müssen, was auf den Werbeflyern für die Kochgruppe stehen darf. Das einzige was daran positiv aufnehmbar wäre, ist die Tatsache, dass man in Gespräche mit Jugendlichen kam, über ihre Erfahrung mit der Polizei, mit der kapitalistischen Verwertungslogik und mit ihren Zorn auf den Staat und auch, dass die Kochgruppe mittlerweile ein Selbstläufer ist und noch immer ohne unsere Zuarbeit (selbst-finanzierend) existiert.

Es gab leider auch mehrere negative Feedbacks auf unsere Arbeit hier. Spott von den Bullen bei unserem Infotisch, willkürliche Kontrollen und VS-Schikanen und von den Nazis kamen Einschüchterungsversuche und Schlägereien. Der Versuch eine Aktion gegen die Nazis zu machen blieb hoffnungslos. Dazu mussten wir einsehen, dass wir zu wenige sind und ohne Hilfe von Außerhalb nicht Effektiv agieren können. Was uns blieb war darüber zu schreiben und Naziaufkleber abzureißen. Wir fühlten uns der Situation gegenüber ohnmächtig und hilflos, wollten kämpfen, doch konnten nichts tun außer uns nur zu wehren. An dieser Stelle wurde uns zum ersten Mal wirklich bewusst, was wir uns da vorgenommen haben. Wir mussten unsere ganzen Erfahrungen aus Großstädten weiterentwickeln, damit wir in einer sehr kleinen Kleinstadt zurecht kommen würden. Dinge die für uns früher als selbstverständlich galten, wie z.B. Solidarität, suchten wir vergebens.

Jedoch bildeten einige dann das Libertäre Infokollektiv Schwarzenbek womit es auch anfing, dass einige Gefährt_Innen aus Hamburg sich mit uns solidarisch zeigten, uns halfen und den Kontakt mit uns aufrecht hielten. Mit dem Infokollektiv stieg die Aktivität in Schwarzenbek wieder, mit dem Ziel vor Augen einen Infoladen schaffen und den Menschen anarchistische Theorien näher bringen zu können. Es gab regelmäßige Infotische, Gespräche mit Einwohner_Innen und auch ein !Konzert! mit veganer Vokü. Zudem wurde uns angeboten, dass wir einen Infotisch auf dem Stadtteilfest aufstellen dürften, wir hätten uns nur damit abfinden müssen, dass auch die Bullen dort einen Stand haben würden.

Ab dem Zeitpunkt, ab dem es zwei anarchistische Gruppen in der kleinen 15.000 Einwohner_Innen Stadt gab, fing die Presse an sich für uns zu interessieren. Sie berichteten neutral, trotz der Verwendung des Wortes „Anarchisten“, kamen zu unseren Infotischen und suchten das Gespräch. Da die Lokalpresse aber eher wenig über unsere Ziele und Träume berichtete, haben wir uns gemeinsam mit dem Infokollektiv ein anarchistisches Quartalsblatt überlegt, mit gerade dem Sinn, dass wir eine Möglichkeit haben, selbst und auf Papier unsere Träume, Erfahrungen und Kritiken zu schreiben und zu verteilen, was wir auch in der Form des „Flächenbrand“ geschafft haben.

Damit wir nun zur Gegenwart zu kommen: Leider aber nicht überraschenderweise kam nach einer simplen Flyeraktion wieder Repression auf. Ein Flyer vom Infokollektiv hat den Ordnungsbehörden, aufgrund schlechter Werbung für sie, nicht gefallen. Sie suchten den Jugendtreff auf, suchten nach uns, nach unseren Namen. Dieses Beispiel zeigt unserer Meinung nach ganz gut einen Unterschied zur Großstadt. Wir hatten in unserer ganzen Zeit in den verschiedensten Großstädten niemals das Problem einen Flyer zu verteilen… aber wie wird so schön gesagt: „Auf‘m Dorf kennt jeder jeden.“.

Ein Jahr und fünf Monate sind nun vergangen und wir bereuen auf gar keinen Fall den Entschluss „auf’s Land“ gezogen zu sein. Wir fanden einige Freund_Innen und auch sehr viele falsche Freund_Innen. Das ist offensichtlich der Preis den man dafür zahlen muss, wenn man der „Szeneisolation“ entfliehen möchte – Tja, gibt halt nichts geschenkt. Wir mussten viel durchmachen, es gab Monate in denen einzelne von uns mehrfach vom Verfassungsschutz angequatscht wurden. Auch gab es Momente in denen wir nicht weiter wussten, doch trotz der Strapazen, können wir auf Erfolge, zwar nur wenige, zurück blicken und wir können voll Leidenschaft, Sehnsucht und Liebe nach vorne blicken und weiter gegen jede Autorität und für den Traum der Freiheit kämpfen.

Es lebe die Anarchie!

3. Februar 2013 – Anarchistische Gruppe Schwarzenbek


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