Schwarzenbek
Wer Rassismus sät…
Von anarchistische Gruppe Schwarzenbek am 21. Juni 2016 veröffentlicht in Anarchie, Antifaschismus und Schwarzenbek.

Dieses Mal gingen die Neonazis weiter als üblich. Statt sich wie gewöhnlich in der Umgebung einer Geflüchtetenunterkunft herumzutreiben, begaben sie sich nun direkt an zwei. Sowohl die geplante Sammelunterkunft an der Berliner Straße, welche direkt an der Grund- und Gemeinschaftsschule angrenzt als auch die kleine Unterkunft in der Möllner Straße waren dieses Mal betroffen.

Im Vorfeld wurden die Befürchtungen, dass es in Schwarzenbek eben nicht nur ein kleiner Haufen Neonazis ist, der heimlich Nachts Aufkleber und Plakate verklebt oder NS-Verherrlichung an Wände schmiert, wahr. Bereits als bekannt wurde, dass die leerstehende Realschule an der Berliner Straße zu einer Sammelunterkunft für bis zu 150 Geflüchtete umgebaut werden sollte, häuften sich rassistische Äußerungen in der geschlossenen Schwarzenbeker Facebookgruppe „Du bist ein echter Schwarzenbeker, wenn…“. Daraus entwickelte sich aus den vermeintlich „harmlosen“ „Ausländer*Innenwitzen“ eine eindeutig rassistische Hetze, die sich sogar bis hin zu Gewaltandrohungen gegenüber Geflüchteten äußerte.

Unter den Diskussionsteilnehmer*Innen befanden sich neben offensichtlich auftretenden Neonazis auch die „netten Familienväter*Mütter von nebenan“, welche mit Blick auf Escheburg einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Dort wurde eine geplante Geflüchtetenunterkunft von einem dieser „netten Familienväter“ angezündet.

Anfangs verließ die Hetze diese Facebookgruppe nicht, und auch Versuche, ihren Rassismus nach außen zu tragen, scheiterten bereits im Vorfeld irgendeiner Aktivität. Dadurch, dass von der Facebookseite „Anarchistische Infos aus Schwarzenbek & Umland“ regelmäßig rassistisch-aufgeladene Diskussionen und Kommentare aus dieser Gruppe veröffentlicht wurden, wurde es, was rassistische Äußerungen betraf, Stück für Stück still in der Gruppe, zumindest bis es zur Infoveranstaltung zur Geflüchtetenunterbringung an der Berliner Straße kam.

Der Festsaal des Schwarzenbeker Rathauses war so überfüllt, dass die Menschen sogar in den Gängen saßen. Neonazis trauten sich bis auf einen, keine rein. Fünf bis Sieben weitere standen vor dem Rathaus und tranken Bier, während ihr Kamerad1 drinnen versuchte rassistische „Sorgen“ zu unterstützen und auch noch anzufeuern. Diese „Sorgen“ hatten eine Bandbreite von der Angst einer „Ghettoisierung des Viertels“, „Die Syrer reißen mir den Gartenzaun ein, die kennen sowas ja gar nicht“, „Mein Haus verliert an Wert“ oder „Wer schützt unsere Kinder vor den Asylanten?“ Es gab vereinzelnd Fragen, wo man den Geflüchteten helfen könnte und eine Frage, wer die Geflüchteten vor Neonazis schützt, was die Stimmung im Saal nicht ausgeglichener machte. Falls die Rassist*Innen an diesem Tag in der Minderheit waren, dann haben die meisten ihrer Gegner*Innen lieber geschwiegen und dem Rassismus fast völlig unkommentiert eine Plattform zur Verfügung gestellt.

In der Presse war hinterher nichts von Rassismus zu lesen, sondern lediglich von den sogenannten „besorgten Bürger*Innen“. Diese „besorgten Bürger*Innen“, die sexuelle Gewalt für ihre Hetze instrumentalisieren und denen ebensolche egal ist, vorausgesetzt der Täter ist weiß.

Darauf folgte eine weitere Infoveranstaltung zur Unterbringung Geflüchteter in der Innenstadt. Dort zeigte sich erneut, dass Rassismus ein ganz klar gesellschaftliches Problem ist, welches nicht nur in irgendwelchen Nischen zu finden ist und ebenso, dass Schwarzenbek davon betroffen ist. Einige Einzelhändler*Innen aus der Innenstadt äußerten sich mit der kaum ernst zunehmenden „Sorge“, dass nun die Kund*Innen Angst hätten bei ihnen einkaufen zu gehen.

Durch die Intervention von Anarchist*Innen und Antifaschist*Innen war es gelungen, das Ausmaß der Neonaziaktionen in Schwarzenbek stark zu reduzieren und sogar über einen gewissen Zeitraum ganz zu beseitigen. Dank der aktuellen Arbeit der Schwarzenbeker Redaktion der Bergedorfer Zeitung, fühlten sich die Neonazis wieder zum Handeln gezwungen.

Ein Artikel in der Bergedorfer Zeitung, welcher mit „Rüpelhafte Flüchtlingskinder drangsalieren Mitschüler“ eingeleitet wurde, weckte das Gefühl, als wären AfD-Mitglieder bei dem Verfassen beteiligt gewesen. Näheres dazu ist hier zu finden.

Auch wurde in einem Artikel2 der Stadtjugendpfleger so zitiert, als hätte er gesagt, dass die Geflüchteten im städtischen Jugendzentrum keinen Respekt vor Frauen hätten und auch kaum Kompromisse eingehen. Es klingt so, als würde der Stadtjugendpfleger die Presse für die Verbreitung rassistischer Stereotypen benutzen. Jedoch hat eine Nachfrage bei dem Stadtjugendpfleger ergeben, dass er diese Aussage gar nicht getätigt hat und auch der Pressevertreter gezielt und wiederholt Fragen nach „Flüchtlingsproblemen“ gestellt hätte, obwohl das eigentliche Thema die „Rote Sofa“ Aktion des Jugendzentrums war, bei dem offene Kinder- und Jugendarbeit vorgestellt werden sollte.

In derselben Ausgabe der Bergedorfer Zeitung fand sich auch ein Artikel3 mit der Überschrift „Flüchtlingen unsere Werte vermitteln braucht Zeit“, an dessen Ende der Verfasser noch einen Kommentar angehängt hat, in welchem er sich überrascht gab, dass sein voriger Artikel von etlichen rechten Facebookseiten geteilt wurde. Wer Rassismus sät, muss sich nicht wundern, wenn dieser auch Früchte trägt. Ansonsten warnt eine Sprecherin des Runden Tisches davor, die Eltern der Kinder miteinzubinden, weil dadurch die Vermittlung der „eigenen Werte“ sich als schwer erweisen würde. Somit sollen lediglich die Geflüchteten Kinder die „neuen Werte“ erlernen, aber nicht die Eltern und dadurch wird die Artikelüberschrift aller Logik beraubt.

Nachdem auf die Artikel in der Bergedorfer Zeitung von etlichen Neonazis und Rassist*Innen auf Facebook reagiert wurde, folgte nun das kleine Häufchen der Neonazis und nahm sich der Sache an. Um das Ganze nochmal zu resümieren: Vom 19. auf den 20. Juni wurden Neonaziaufkleber am Jugendzentrum und in dem Viertel in dem es liegt geklebt, die Geflüchtetenunterkunft neben der Grund- und Gemeinschaftsschule wurde beschmiert, sowie die Schule selbst. Zudem wurde das Umfeld der kleineren Geflüchtetenunterkunft an der Möllner Straße beklebt, sowie der Stadtteil Nord-Ost.

Das größte Problem sind momentan nicht die paar Neonazis, die allmählich in die Bedeutungslosigkeit abdriften, sondern die Rassist*Innen, die genau in der Gesellschaft sitzen.

Ob es die Presse ist, die Rassist*Innen nicht nur zu Wort kommen lässt, sondern auch selbst rassistischen Mist druckt oder ob es die angeblich besorgten Bürger*Innen sind. Sie beide sind es, die sich mitverantworten müssen, wenn Neonazis auf ihren Ruf hin zur Tat schreiten.

Wir verbleiben in offener Feindschaft mit euch und dem Bestehenden.

  1. Es handelt sich um denselben Neonazi, der, nachdem er bei einem anarchistischen Infostand versuchte eine Person anzugreifen, Tierabwehrspray abbekam. [zurück]
  2. http://www.bergedorfer-zeitung.de/schwarzenbek/article207636441/Integration-mit-Tischkicker-und-Billard.html [zurück]
  3. http://www.bergedorfer-zeitung.de/schwarzenbek/article207638937/Fluechtlingen-unsere-Werte-vermitteln-braucht-Zeit.html [zurück]


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